55+

55+ im Dezember 25

Den Schlussakkord zur Reihe unserer 55+-Nachmittage im Jahr 2025 steuerte am 04. Dezember  Stefan Rottmann, unser Bürgermeister, mit seiner Trompete bei. Er stellte das Instrument kurz vor und begann zu spielen: Ein buntes Potpourri von Melodien erklang, es spannte sich ein Bogen von aktuellen Melodien, die jedermann im Ohr hat, über Klassiker aus dem Jazz-Repertoire bis hin zu weihnachtlich-besinnlichen Klängen, bei denen man mitsummen oder mitsingen konnte. Die Anwesenden waren begeistert, und Stefan Rottmann hatte soviel Spaß am Musizieren, daß er im nächsten Jahr wieder für uns spielen will. Wie schön, dass es in Schonungen inzwischen auch junge Menschen gibt, die dieses Instrument erlernen! Dank der Robert-Hofmann-Stiftung nämlich konnten hier in Schonungen drei Bläserklassen eingerichtet werden, die nachmittags und in freien Schulstunden unter kundiger Anleitung mit Feuereifer üben und die langsam ihrem ersten Auftritt entgegenfiebern. Bewunderung und Dank all denen, die sich in diesem Bereich engagieren! Und Dank auch wieder einmal unseren beiden Küchenfeen, die wie so oft den Rahmen für diesen wunderschönen Nachmittag geschaffen haben!                  wk

 

 

 

 

 

 

 

Von Deutschland nach Deutschland

Flüchtlingskind

Unsere Familie ist 1951 aus der damals noch jungen DDR geflüchtet. Davon und wie diese Flucht in meiner kindlichen Wahrnehmung abgelaufen ist, habe ich am 6. November erzählt:

Ich wachse im Gründerzeithaus meiner Großeltern in Plauen/Vogtland auf. Eltern und Großeltern bieten mir Geborgenheit und Antworten auf meine vielen neugierigen Fragen. Für mich ist alles in Ordnung - bis ich unter einem Tischlein versteckt, Gespräche der Erwachsenen belausche: Von Leuten ist da die Rede, die „abgeholt“ worden sind und nicht wiederkehrten. Abgeholt von „den Russen“. Manche versuchten, sich dem durch waghalsige Fluchten zu entziehen, stürzten dabei in den Hinterhof, brachen sich beide Beine oder waren gleich tot…Auch mein Vater wurde eines Tages „abgeholt“, mir aber erzählte man, er sei auf Geschäftsreise. In Wirklichkeit war er im Zuchthaus in Chemnitz inhaftiert. Als er von dort zurückkam – eine eigene abenteuerliche Geschichte - stand fest: Nichts wie weg aus der DDR! Mein Vater reiste mit falschen Papieren ausgestattet, zur Buchmesse nach Leipzig , verließ unterwegs aber den Zug. Meine Mutter packte mich und ein kleines Köfferlein und fuhr mit dem Zug nach Berlin. Dort mußte man an einer speziellen U-Bahn-Station aussteigen und die Treppe hinaufgehen, um in Berlin West herauszukommen. Oben stand ein Soldat, ein amerikanischer. Zu meinem Entsetzen brach meine Mutter förmlich zusammen, als wir an dem vorbei mußten. Sie konnte plötzlich kein Englisch mehr und breitete vor dem irritierten Soldaten auf den schmutzigen Stufen schreiend  den Inhalt ihres Köfferleins aus - nichts als ein bißchen Unterwäsche… Irgendwie haben wir´s dann doch geschafft, in einer mir völlig fremden Wohnung meinen Vater wiederzutreffen. (Meine noch sehr kleine Schwester war in Plauen bei der Oma zurückgelassen worden, um keinen Verdacht auf Republikflucht der Familie aufkommen zu lassen.)
Es dauerte Monate, bis wir registriert, als politische Flüchtlinge anerkannt und mit neuen Papieren ausgestattet waren. Bis das nicht geschehen war, gab es keinerlei Unterstützung Wir waren ganz auf uns gestellt und mußten sehen, wo wir blieben.

Die erste Bleibe: Das Chefbüro in der Firma eines Kriegskameraden von meinem Vater. Da durften wir nachts auf den Polstermöbeln schlafen. Tagsüber mußten wir hinaus. Mitten im Winter. Wir gingen meist ins KaDeWe (= Kaufhaus des Westens). Da war es warm und schön. Weihnachtsdeko mit sich bewegenden Märchenfiguren! Und ich konnte nach Herzenslust Rolltreppe fahren…
Die zweite Bleibe: eine Art Rohbau in einer Schrebergartenanlage. Kalt und naß, denn es war immer noch Winter, aber ich hatte meine Freude an den wunderschönen Eisblumen, die sich an den Fenstern bildeten…
Die dritte Bleibe: Im Vestibül eines herrschaftlichen Stadthauses, fast wie bei meinen Großeltern. Da gingen ständig irgendwelche Männer aus und ein, aber das interessierte mich nicht. Es war hell und warm und die Vermieterin war herzensgut und wunderschön: schwarze lange Locken, roter Mund, feine Kleider und Netzstrümpfe an den Beinen! Und wie diese Frau duftete! Ich durfte zu ihr in die Küche kommen, wo sie in einer Kiste neben dem Ofen lauter süße kleine Hundebabies hatte. Mit denen durfte ich sogar spielen! Dort im Vestibül feierten wir auch Weihnachten. Ich bekam einen von meinem Vater aus Holzabfällen gebastelten Kaufladen in den Modefarben der Zeit, Rosa und Creme,  mit zwölf Schubladen, in die man auch was hineinfüllen konnte! Den besitze ich heute noch! Mir hat es in dieser Wohnung richtig gut gefallen – ich habe erst Jahre später kapiert, daß wir mitten in einem Puff gewohnt haben…
Das Flüchtlingslager: Als die Anerkennung und die Papiere da waren, mußten wir in ein Lager ziehen. Das war eine Turnhalle, in der durch Sofadecken auf dem Boden der Platz markiert war, auf dem jeweils eine Familie sich aufzuhalten hatte. Wir vier – meine Schwester war auf mir unerklärliche Weise wieder zu uns gebracht worden – warteten so auf den Tag, an dem wir in „den Westen“ ausgeflogen werden konnten.
 „Im Westen“: Landung in Hannover, erneut ein Lagerdasein bis zur Zuweisung an irgendein Bundesland. Wir kamen nach Weinsberg (Ba-Wü) in ein Barackenlager. Da war es Mai. In den Kastanien gleich hinter der Hütte gab es viele, viele Maikäfer. Das hat mir gut gefallen… Wir teilten die Unterkunft - einen Raum mit Stockbetten und einen Raum mit einem kleinen Tisch – mit einem alten Ehepaar aus Schlesien, deren Dialekt ich nicht verstand. Der Mann nahm beim Essen immer sein Gebiß heraus und legte es neben den Teller. „Ui“, dachte ich, „ d a s  können  w i r  nicht!“

Die weiteren Stationen: Stockstadt, Göppingen, Michelstadt, Mannheim.
Unterstützt von Verwandten kamen wir nach Stockstadt. Dort lebten wir als Untermieter in einem der drei Zimmer einer Dreizimmer-Neubauwohnung, bis der Hauptmieter eines Nachts über meine Mutter herfiel. Dann im Hinterzimmer einer Gärtnerei, da, wo tagsüber Kränze gebunden, Pflanzen umgetopft, Gestecke gemacht wurden. Das war prima, denn nach Geschäftsschluß lagen da immer viele Blumenreste herum, womit man herrlich basteln und spielen konnte, und tagsüber konnte man sich in dem großen Garten hinter dem Haus vergnügen. In einer der drei Scheunen hat meine Schwester zusammen mit einem Enkel der Gärtnersleute Holz gehackt, bis ein Erwachsener das Spiel leider gewaltsam beendete.
Mittlerweile war ich in die Schule gekommen. Da gab es u.a. Religionsunterricht. Für die wenigen Evangelischen gesammelt an einem Nachmittag in der Woche. Der Pfarrer hatte uns aufgegeben, sämtliche Strophen eines bestimmten Kirchenliedes auswendig zu lernen. Das Problem: Wir besaßen gar kein Gesangbuch. Doch Mutter wußte Rat: Sie borgte sich eines, und ich konnte lernen. Ich kam auch dran. Und plötzlich rastete der Pfarrer aus: „Willst du mich provozieren?“ Ich hatte nichtsahnend eine katholische Strophe mitgelernt, die sich nur im katholischen Gesangbuch fand…
Nach vier Wochen Schule zogen wir um nach Göppingen, wo mein Vater Arbeit gefunden hatte. In eine „Werkswohnung“ auf dem Firmengelände: Der Eingang zur Wohnung führte direkt ins Schlafzimmer. Das mußte man durchqueren, um ins Wohnzimmer zu gelangen. Schmale Küche auf der anderen Seite des Treppenhauses. In einer Zinkwanne wurde dort samstags auch gebadet.
Der Rektor der Göppinger Grundschule wollte mich gar nicht in die Schule aufnehmen: zu groß der Lernrückstand, denn in Ba-Wü hatte die  Schule an Ostern begonnen, ich aber war in Bayern erst im September eingeschult worden. Riesengroß meine Enttäuschung. Ich brach in Tränen aus und ging schließlich in die Offensive: „Ich kann doch schon alles! Ich kann lesen und schreiben und rechnen!“ Und das habe ich ihm anhand einer herumliegenden Tageszeitung auch gleich bewiesen. „Zur Probe“ wurde ich daraufhin in die erste Klasse aufgenommen. Täglich mußte ich nun meine Schwester Richtung Schule mitnehmen und im Kindergarten abgeben, der auf dem Wege lag. Ein täglicher Kampf, denn sie wollte da nicht hin. Oft wurde ich von Passanten gescholten, die glaubten, ich hätte dem schreienden Kleinkind etwas angetan. Einmal betrachtete ich, bis sie im Kindergarten die Schuhe gewechselt hatte, eine Bilderserie an der Wand: Männer verfolgten dort andere Männlein und stopften die am Ende mit großen Gabeln in einen riesengroßen Topf, unter dem ein Feuer loderte. Ich war entsetzt und erzählte meiner Mutter, was ich da gesehen hatte. Und sie? „Mach dir keine Sorgen, Kind. Auf diesen Bildern, das ist das Fegefeuer. Das gibt es nur bei den Katholischen!“ Ach, war ich da froh, so froh, daß ich evangelisch war!!!
Kaum hatte ich ein wenig Fuß gefaßt – der nächste Umzug. Es ging nach Michelstadt in Hessen. Wieder war ich „die Neue“ in der Klasse, wieder wurde ich ausgelacht wegen meines ach, so komischen Vornamens, gehänselt wegen meines sächsischen Dialekts, verachtet wegen meiner doofen Klamotten (von einer „Hausschneiderin“ im Auftrag meiner Großeltern aus alten Kleidern in der DDR zusammengeschustert) und jetzt noch dazu geärgert und geschubst von bösen Buben, die erstmals für mich mit in der Klasse waren. Und wieder hatte ich natürlich einen Lernrückstand, vor allem in dem von mir bereits gehassten Fach „Heimatkunde“. Woher auch sollte ich Bescheid wissen über die Mümling, was wußte ich von den hessischen Regierungsbezirken und was von der Einhardsbasilika? Es kam der Tag, wo ich absolut nicht mehr in die Schule gehen wollte!!! Und dabei blickten die Eltern doch schon voraus auf den Übertritt ins Gymnasium, der unbedingt zu schaffen war! Den hab ich dann ja auch geschafft. Wer weiß, wie… Also wieder einmal ein Schulwechsel: Gymnasium in Michelstadt. Und nach wenigen Wochen zogen wir wieder um. Es ging zurück nach Ba-Wü. Wieder ein Schulwechsel, diesmal an eines der besten Gymnasien überhaupt, so sagte man, das Elisabeth-Gymnasium in Mannheim: Jetzt bezogen wir erstmals eine „richtige“ Wohnung. Dreizimmer, Neubau, in einem Wohnblock. Und in der Schule war ich wieder hintendran, diesmal im Fach Englisch. Englisch nämlich war in Hessen nach ganz modernen Methoden unterrichtet worden, rein mündlich, durch Nachplappern. Daß das geschriebene Wort z.T. völlig von dem abwich, was man hörte, das war mir nicht klar. Dementsprechend las ich Texte aus dem Buch so vor, wie sie halt da standen, so wie ich gewohnt war, deutsche Texte zu lesen. Und alles, alles lachte… (nur der Lehrer nicht!)
Aber da waren wir dann endlich angekommen. Von da an ging´s bergauf. Ende der Flucht. In Mannheim habe ich schließlich Abitur gemacht und auch mein Studium begonnen…            wk

 

Kurzurlaub in Untertheres

 

In der Lounge

Im August gab es für alle an der Reihe 55+ Interessierten einmal etwas anderes: Wir haben einen Ausflug zur „Main Lounge“ in Untertheres gemacht. Empfangen wurden wir dort wie Staatsgäste: weiß gedeckte, mit frischen Blumen geschmückte Tische erwarteten uns. Wir saßen im Schatten alter Bäume unmittelbar am Ufer des Mains, am einstigen Landeplatz der Fähre. Von der hochsommerlichen Hitze des Tages spürten wir wenig. Wir konnten es uns bei Getränken aller Art – von unserem Gastgeber gestiftet, der diesen schönen Rastplatz am Radweg zwischen Schonungen und Haßfurt eingerichtet hat -  einfach gut gehen lassen und seinen Worten lauschen. Klar, von seinen Gästen war vorzugsweise die Rede, von denen die aufgelegten Gästebücher beredt Zeugnis ablegen:   Einträge auf gut Fränkisch natürlich, aber auch auf Englisch (USA, Australien, Dänemark), auf Französisch (Frankreich, Luxemburg), auf Spanisch (Südamerika) und Arabisch (Syrien)… Und alle waren mit dem Radl da!!! Es gibt da wohl Fahrradbegeisterte, die sich via Internet Touren durch ganz Europa zusammenstellen, dann mit Flugzeug und Bahn anreisen und z.B. mit dem Rad von den Quellen des Mains bis an seine Mündung radeln. Für mich wär das eher nichts, ich würde da lieber in ein Boot steigen. Warum nicht – auch mit dem Kanu kann man so eine Tour machen und dann beim „Schorsch“ alias Georg Göb in der Main Lounge an Land gehen und eine erfrischende Pause machen. Wir bedanken uns bei ihm und seiner Frau für die tolle Bewirtung  sowie unseren Schonunger Küchenfeen für leckeres Backwerk, das sie mitgebracht hatten.       wk

 

 

 

 

 

Von einem der auszog, um mal auf dem Meeresgrund zu schlafen

Ausfahrt von U 185

Mit zahlreichen Fotos und einem fulminanten Vortrag verschaffte Karl Heinz Pfundt uns am 07.11. einen lebendigen Eindruck vom Leben auf dem Untersee- bzw. Tauchboot, auf dem er während seiner Dienstzeit bei der Marine gefahren ist. Sein Einsatzgebiet: die Ostsee mit einer Tauchtiefe von bis zu 100m wären für diesen Typ des Bootes laut Werft die maximal mögliche Tauchtiefe gewesen. Geschätzte Zerstörungstauchtiefe (das Boot implodiert) bei einer Tiefe von ca. 400 bis 600m. Dieser Einsatz in der Ostsee vollzog sich zwar direkt angesichts des Feindes, nämlich vis-a-vis der damaligen DDR-Flotte, doch zu seinem ganz, ganz großen Glück, wie ich meine, zu Friedenszeiten, denn solche Boote sind für den militärischen Einsatz gedacht und folglich mit Waffen, nämlich Torpedos bestückt. Ziel ist es, feindliche Schiffe fernzuhalten bzw. zu zerstören. Ein einziger Torpedo-Treffer genügt, um solch ein Boot mit Mann und Maus auf einen Schlag zu vernichten. Wird man selbst getroffen, sieht das nicht anders aus. Man ist folglich darauf angewiesen, dass das Material stets in Top-Zustand ist und dass die Mannschaft bis ins letzte Glied nicht nur gut trainiert ist, sondern auch hundertprozentig funktioniert:  absolut zuverlässig, perfekt aufeinander eingespielt und reaktionsschnell. Im Fall von Karl Heinz Pfundt bestand diese Mannschaft aus 22 Mann, die eigentlich immer unter Deck eingepfercht waren: Essen, Arbeiten, Schlafen – alles im Vier-Stunden-Takt auf engstem Raum: 12 qm begehbare Fläche! Pro Person stehen da gerade mal 0,5454 qm zur Verfügung, Arbeitsmaterial, Geräte und Instrumente füllen jeden weiteren Kubikzentimeter aus. Da bleibt kaum Luft zum Atmen, und das ist kein Ort für Menschen mit Neigung zur Klaustrophobie! Kein Wunder, dass so ein Leben und Arbeiten zusammenschweißt und dass man sich auch dann, wenn man längst wieder im zivilen

Mannschafts-Logis von U185

Leben angekommen ist, auf die alljährlichen Treffen freut!                                                                                                                wk

Anm.: Zu besichtigen sind solche U-Boote heutzutage in Speyer und in Sinsheim, siehe dazu   https://sinsheim.technik-museum.de